Der Kunstschatz des Führers

Die wahre Geschichte, ob man sie erzählen darf? Wenn Kunstschätze in Flammen aufgegangen sein sollen, ist grundsätzlich Mißtrauen angesagt. Dies gilt auch für Wildenhoff südlich von Königsberg, zumal niemand genau weiß, ob nun die Deutschen oder die Sowjets das Schloß in Ostpreußen angesteckt haben, die SS oder Görings Soldaten von dort das Bernsteinzimmer abgeholt und Flammen gelegt hätten. Wo Wildenhoff einstmals stand, ist nichts mehr zu sehen, so wie das Tannenberg-Denkmal ebenfalls völlig verschwunden ist. Was dort und fünf-undfünfzig Kilometer nördlich vor über sechs Jahrzehnten geschah, blieb höchstens in einigen, spärlichen Geschichten bekannt, die oftmals falsch waren und das Wichtigste überhaupt nicht wußten. Aber weder am Denkmal noch in Wildenhoff gab es heftige Kämpfe, selbst die Rettung über Pillau lief Ende Januar 1945 noch ruhig und geordnet ab. Die ›Welt größte Ikonen-Sammlung‹ aus Kiew, die auf Schloß Wildenhoff zwischen-gelagert wurde und nicht in Rauch aufging, hatte SS-Obergruppenführer Hans Kammler in einer beispiellosen Geheim-Aktion zusammen mit den Hindenburg-Särgen über Glommen, Königsberg und Pillau in das Altreich gebracht. Adolf Hitler wollte den Kunstschatz den Amerikanern geben, um im Westen den Krieg beenden zu können. Kammler brachte die wertvollen Kisten in das Bergwerk Grasleben bei Helmstedt, das von US-Truppen erobert wurde.

Vierzehn Jahre lang hat der Journalist Kristian Knaack das ›Gespenst Kammler‹ verfolgt. Er wollte wissen, was der SS-Obergruppenführer im letzten halben Jahr vor Kriegsende gemacht hatte und ob er überlebte. Wie ein Schock traf es ihn, als hauchdünne Bleistiftmarkierungen in einer Unterlage Kammlers und ein Strich zwischen der Bahnstrecke von Bartenstein nach Königsberg und Schloß Wildenhoff entdeckt wurden. Was hatte Kammler damit zu tun?

Bekannt war, daß im Januar 1945 Kunstschätze und die Särge von Reichspräsident von Hindenburg und seiner Frau Gertrud von Ostpreußen über die Ostsee nach Westen evakutiert wurden. Die Staatssicherheit der DDR war überzeugt, daß auch das Bernsteinzimmer ins noch sichere Restreich gelangt und als ›Faustpfand‹ in Mitteldeutschland verborgen worden sei. 1980 legte die Stasi den ›Sicherungsvorgang Puschkin‹ an, in der Wende wurde die Vernichtung des hochinteressanten Materials angeordnet, aber nicht vollständig durchgeführt.

Mit journalistischer Spürnase und akribischer Ausdauer hat Kristian Knaack recherchiert, wie dei MfS-Puschkin-Dokumentee erst viele Jahre später in die ›Gauck-Behörde‹ gelangten. Er hat penibel nachgewiesen, daß der Bernsteinzimmer-Experte der Staatssicherheit, Oberstleutnant Paul Enke aus Königsberg, gewußt haben muß, daß der Transport der Hindenburg-Särge gar nicht dem Bernsteinzimmer galt sondern der ›Welt wertvoller Ikonen-Sammlung‹ aus Kiew, die in Ostpreußen zwischengelagert wurde. Der Privat-Forscher Georg Stein aus Hamburg, der ebenfalls aus Königsberg stammte und mit Enke befreundet war, hatte als einziger behauptet, daß SS-OGrf Kammler das Bernsteinzimmer und anderes Kunstgut aus Ostpreußen unmittelbar vor Ankunft von US-Truppen in ein Bergwerk bei Grasleben schaffen ließ.

Kristian Knaack weist nach, daß Stein recht hatte. In der Unterlage von Hans Kammler sind die kaum sichtbaren, aber eindeutigen Bleistiftmarkierungen beim Bergwerk Grasleben bei Helmstedt zu erkennen. Kammler hatte sogar kryptisch vermerkt für wen der ›Kunstschhatz des Führers‹ bestimmt war. Georg Stein hatte das Grasleben-Dokument Kammlers mithilfe von Paul Enke in einem Archiv bei Merseburg in der DDR entdeckt. Die Archivalie ist verschwunden. Auch Steins Unterlagen zu Kammler sind unauffindbar. Im Spätsommer 1987 verstarb Stein auf mysteriöse Weise. Anfang Dezember im gleichen Jahr ereilte ebenfalls seinem Mitstreiter Paul Enke in Ost-Berlin das gleiche Schicksal. Würde Stein sein Vorhaben öffentlich bekanntgemacht haben, daß die Vereinigten Staaten von Amerika wertvolle Kunstschätze aus der Sowjetunion seit Ende des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen raubten, hätte der sowjetische Staatschef Gorbatschow im Dezember 1987 nicht zum amerikanischen Präsidenten Reagan nach Washington reisen können, um die Abrüstungsvereinbarungen über die nuklearen Kurz- und Mittelstrecken-Raketen zu unterschreiben. Perestroika und Glasnost und das Ende der UdSSR hätte warten müssen.

Schon 1946 hatten die Amerikaner in dem Kriegsverbrecher-Prozeß gegen Alfred Rosenberg in Nürnberg die Sowjets gezwungen, den Ikonen-Schatz ›ohne Worte‹ abzutreten. Kristian Knaack hat in den Archiven die Verhandlungsprotokolle der US-sowjetischen Kumpanei sorgfältig nachgeprüft. Auch mußte er verblüfft feststellen, daß die Evakuierung der Hindenburg-Särge aus dem Tannenberg-Denkmal in Ostpreußen anders verlief als bisher geglaubt. Särge und Kunst-Kisten schaffte SS-OGrf Hans Kammler vor den Sowjets und selbst vor dem eigenen SS-Führer in Königsberg aus Ostpreußen heraus, wovon niemand – wie später in dem Gerichtssaal in Nürnberg – bemerkte.

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