Pressestimmen zum Deutschen XL Aufschwung

 Wäre da nicht das verheerende Erscheinungsbild ihrer zweiten Regierung, könnte Angela Merkel frohlocken: Nach der tiefsten Krise der Nachkriegszeit ist die deutsche Wirtschaft phänomenal zurückgekommen. Sie hat ein geradezu atemberaubendes zweites Quartal hinter sich. Eine Wachstumsrate von drei Prozent odermehr im laufenden Jahr ist nun greifbar nah. Konjunkturpolitisch hat die Krisenmanagerin Merkel alles richtig gemacht. Ob sie daran anknüpfen kann, ist allerdings fraglich. Ihr mühsam zusammengestricktes Sparpaket wird von den vielen Lobbygruppen, die die Kürzungen verhindern wollen, scharf attackiert. Zudem wittern Fachpolitiker der Koalition die Chance, angesichts erwarteter

Steuermehreinnahmen in Milliardenhöhe auch wieder Mehrausgaben für Arbeitslose, Familien oder Unternehmen durchzusetzen. Diesem Druck muss Merkel standhalten, will sie das Vertrauen der Steuerzahler und Investoren mehren. Im Aufschwung muss gespart werden, das Sparpaket eins zu eins umgesetzt werden. Das Defizit des Bundes dürfte im laufenden Jahr auf deutlich unter 60 Milliarden Euro sinken. Gut so –
damit rückt ein ausgeglichener Bundeshaushalt in den kommenden Jahrenwieder in den Bereich des Vorstellbaren. Originaltext: Rheinische Post

Die Westdeutsche Zeitung kommentiert es so: Dass die Wirtschaft im Vergleich zum Vorquartal um sagenhafte 2,2 Prozent wächst, hat alle Fachleute überrascht. Minister Brüderle schwärmt sogleich vom XL-Wachstum. Seine Euphorie ist zwar verständlich, aber mit der Einschränkung zu sehen, dass wir bis vor eineinhalb Jahren sogar einen XXL-Rückgang des Bruttoinlandsprodukts erlitten. Die Entwicklung unserer Wirtschaft erreicht somit wieder in etwa das Niveau von vor mehr als drei Jahren. Mehr nicht. Diese Einschränkung muss man bei einer qualifizierten Beurteilung machen. Dennoch besteht kein Grund, das deutlichste Wirtschaftswachstum seit 23 Jahren klein zu reden. Dazu ist es zu eindrucksvoll. Ein nicht ganz seriöses, aber erlaubtes Zahlenspiel: Wenn wir in jedem Quartal im Vergleich zum Vorquartal ein solches Ergebnis hätten, käme die jährliche Entwicklung in die Nähe eines zweistelligen Wertes. Das wäre sensationell und würde Deutschland die gestern bereits ein Stück weit zurückeroberte Rolle
der europäischen Konjunkturlokomotive zurückgeben.

Doch wichtiger sind jetzt zwei Fragen: Was sind die Ursachen für die tolle Entwicklung? Und wie geht es weiter? Die Ursachen: Vor allem die Nachfrage aus dem Ausland sorgte für den Aufschwung. Gerade die exportorientierten Branchen waren allerdings in der Krise besonders unter Druck, haben also starken Nachholbedarf. Gleichzeitig kamen
diese Automobilhersteller, Maschinenbauer und Chemiefirmen zum Glück relativ unbeschadet durch die Krise, so dass sie jetzt mit solider Finanzausstattung und fähigem Personal durchstarten können. Was teils an guten Managementleistungen und kompromissbereiten Mitarbeitern lag, aber auch an den staatlichen Hilfen, etwa für Kurzarbeit. Und was passiert nun? Ein Anspringen der Binnennachfrage wäre wünschenswert. Dank einer positiven Grundstimmung ist das durchaus möglich. Der Staat hingegen sollte die Krisen-Rettungsschirme, die er zur Stützung aufgespannt hat, jetzt vorsichtig – wegen des hohen Risikos – zuklappen, damit die Wirtschaft sich freischwimmt. Dann
könnte es mit dem prophezeiten Boom wirklich klappen, so dass sich auch die Arbeitnehmer spätestens 2012 wieder über klare Lohnsteigerungen freuen dürften.

Originaltext: Westdeutsche Zeitung

  • Von einem »Aufschwung XL« sprechen die Jubler
    angesichts des höchsten Quartalswachstums des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) seit der Vereinigung.

    Regierungsvertreter reagieren, wie sie das immer anlässlich statistischer Verkündungen tun: Für positive Zahlen ist die eigene Politik verantwortlich, an negativen ist das Ausland schuld. Was natürlich auch diesmal überhaupt nicht stimmt:

    Die starke Nachfrage
    aus China, den USA und von EU-Partnern, befördert durch weit größere Konjunkturprogramme als hierzulande, haben die Exporte deutscher
    Investitionsgüter massiv befördert. Für allzu optimistische Szenarien besteht daher kein Anlass: Laufen die Konjunkturprogramme nach und nach aus, kann es mit dem Welthandelsboom schnell wieder vorbei sein. Das exportlastige Deutschland würde dies dann besonders stark zu spüren bekommen. Auch im Finanzsektor lauern noch zahlreiche Risiken. Man sollte zudem nicht vergessen, dass sich zwar so mancher Unternehmensführer über die gestiegenen Aufträge oder mancher Kernbeschäftigte über das Auslaufen der mit Gehaltseinbußen verbundenen Kurzarbeit freut. Doch das Gros der Bürger merkt nichts
    vom vermeintlichen Mega-Aufschwung. Was nur ein weiterer Beleg dafür ist, dass das BIP mit seiner sozialen wie ökologischen Blindheit als entscheidende wirtschaftliche Kennziffer eigentlich längst ausgedient hat.

    Originaltext: Neues Deutschland

  • Von einem „Sommermärchen“ sprachen gestern die
    Analysten. Wenn selbst nüchterne Zahlenmenschen in solche Euphorie verfallen, muss schon etwas Besonderes passiert sein. Ist es auch: Da
    ist zunächst einmal natürlich ein statistischer Effekt:

    Nach dem dramatischen Sinkflug des Vorjahres ist es leicht, kräftige Wachstumszahlen zu erreichen. Hinzu kommen Konjunkturprogramme, die teilweise gerade ihre volle Wirkung entfalten. Und da ist natürlich vor allem eine riesige Nachfrage nach deutschen Produkten in Asien. Der Export boomt und damit die auf den Außenhandel ausgerichtete
    deutsche Wirtschaft. Doch genau an diesem Punkt setzen bereits wieder die Pessimisten ein: Denn in China kühlt sich die Konjunktur gerade
    etwas ab. Das werde sich im zweiten Halbjahr auch in der deutschen Wirtschaft bemerkbar machen. Es stimmt ja: Wir werden vielleicht keine so atemberaubenden Wachstumsraten mehr haben wie im
    zurückliegenden Ausnahmequartal, doch wir haben es mit einem stabilen Aufschwung zu tun und nicht nur mit einem Strohfeuer.

    Der – und das ist die neue Erkenntnis – zunehmend auch vom Konsum im eigenen Land getrieben wird.

    Originaltext: Rhein-Neckar-Zeitung

  • nordkrieger

    @na klar !! Mit Geiz billig gekaufte IT-Produkte zum Beispiel und die Tedi / 50cent und sonstigen Billigheimermärkte wie die „Diakonieshops“ in Düsseldorf -, die hatten aber auch vorher immer Konjunktur.

  • Michel

    Den Aufschwung haben wir vor allem der guten Politik der Großen Koalition zu verdanken, die wirklich sinnige Schnellerholungsprogramme ins Leben gerufen hat. Ohne die Ausweitung der Kurzarbeit und die Rettungaktion der Banken wäre dieser Aufschwung sicher nicht möglich gewesen! Die Regierung hat vieles richtig gemacht während der Krise. Das sollte durchaus mal gesagt werden!

  • Chiron

    Wenn wir einen Aufschwung haben Deutschland aber nicht in der Lage ist seine Schulden abzutragen. Und damit meine ich nicht die Neuverschuldung „zu bremsen“ sondern tatsächlich seine Schuldenlast mal zu verringern: Wo soll das dann über kurz oder lang enden?

    Aber darüber spricht man nicht, das ist ein Problem anderer Leute. Unsere Politiker sind wie eine Partygesellschaft die sagt „Was kümmert mich der Dreck von morgen? Morgen bin ich nicht mehr da! Soll aufräumen wer dann hier ist!“

  • Diese Schuldenlast kann man weder mit Aufschwung noch mit anderen Anstrengungen tilgen. Schon allein deshalb wird der Euro crashen.
    Deshalb auch der wilde Hummelhaufen in den politischen Reihen. Keiner weiß wie es weiter gehen soll.

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  • Angeblich geht der Aufschwung ja weiter. Mich ärgert ja nur, dass sich diese jämmerliche Regierung den Erfolg auf die Fahnen schreibt.

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