Wulffs peinlicher Auftritt und Pressestimmen

Bundespräsident Christian Wulff gibt heute Abend ein Fernseh-Interview. Die Fragen stellen Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF). Das Interview wird um 20:15 Uhr in voller Länge gesendet. Ausschnitte davon sind schon über alle Sender gelaufen. Alles was man wissen will oder auch nicht wissen will, was wichtig war schein die Aussage zu sein, dass er nicht zurück treten wird. Jetzt auch noch völlig schmerzfrei auch gegenüber der Frage nach dem Anruf und der Drohungen gegenüber Bild Chef. Von 1980 bis 1986 studiert Christian Wulff Rechtswissenschaften mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Osnabrück. 1987 leistet er sein Referendarexamen in Hannover, danach sein Referendariat am Oberlandesgericht Oldenburg und legt 1990 sein Assessorenexamen in Hannover ab. 1990 tritt Christian Wulff in eine Rechtsanwaltskanzlei ein. Gerade er müsste wissen, was in einem Gesetz für Nötigung steht und was das bedeutet.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung Essen (ots) – Hat der Bundespräsident im Fernsehen seine Freiheit wieder gewonnen? Hat er sich die Macht zurück erobert über die einzige Waffe, die er hat: sein Wort? Kann er morgen wieder ein ganz normales Staatsoberhaupt sein, eines, das die Gier der Finanzmärkte geißelt, die Bürger auffordert, sich nicht zu bereichern, für Offenheit und Ehrlichkeit als politische Tugenden eintritt, in Unterdrückerstaaten die Pressefreiheit einfordert. Und so weiter. Wohl kaum. Durch seine Fehler hat Christian Wulff seine Möglichkeiten und die seines Amtes schwer beschnitten. Er ist, aus eigenem Verschulden, nicht einmal ein halber Spitzenstaatsbeamter. Das hat sich auch durch seinen TV-Auftritt nicht geändert. Die Kanzlerin hat nach dem gescheiterten Seiteneinsteiger Köhler einen Politprofi gesucht, einen, auf den Verlass sein würde in puncto Seriosität und Stilempfinden. Gerade von Wulff glaubte sie, Unfallfreiheit erwarten zu können. Ein Irrtum. Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als „Fantasie“ bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen.

Kommentar von Ulrich Reitz
Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Mindener Tageblatt Minden (ots) – Fassen wir zusammen: Herr Wulff aus Osnabrück, damals noch niedersächsischer Ministerpräsident, hat sich von Freunden Geld geliehen. Das hat er dem niedersächsischen Landtag nicht in hinreichender Deutlichkeit mitgeteilt, als der danach fragte. Er hat auch bei Freunden Urlaub gemacht. Bei dem Versuch, mit der aus diesen Vorgängen resultierenden kritischen Berichterstattung umzugehen, hat er sich nicht gerade als souverän erwiesen – was zu weiterer hochnotpeinlicher Untersuchung seiner Eignung für das höchste Amt im Staate führte. Samt einschlägiger politischer Zweitverwertung. Muss ein Präsident deswegen zurücktreten? Darüber kann man gewiss geteilter Auffassung sein. Fest steht: Mit wachsender Intensität der medialen Tiefenbohrungen und den zunehmend höher tönenden Leitartikeln geriet Volkes Meinung, zunächst noch recht ungerührt, ins Schwanken. Die breitflächig ausgewalzte Intensivdurchleuchtung eines – so vermuten wir mal –

Charakters von letztlich auch nicht größerer Komplexität als der überwiegenden Mehrheit des Staatsvolks offenbarte Defizite zum Idealbild des Ersatzmonarchen. Als der muss der Bundespräsident in unserer so nüchternen, weil auch nur von Menschen gelebten Demokratie nun mal herhalten. Und hatte nicht gerade auch schon ein Freiherr alle optimistischen Vorstellungen von der Integrität einer reinen Elite enttäuscht? Ob Christian Wulff mit dem spektakulären Selbstkritik-Interview von gestern Abend seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, liegt nicht in seiner Hand. Der ob so viel Beschäftigung mit diesem Thema inzwischen irritierte Bürger jedenfalls will langsam Ruhe haben, das kennt man aus den Erregungskurven anderer „Affären“. Doch selbst wenn ihm das rituelle Rücktrittsopfer erspart bleibt, wird er für den Rest seiner Amtsperiode beschädigt bleiben. Und sicher kein Ersatzmonarch mehr.
Originaltext: Mindener Tageblatt

Westdeutsche Zeitung: Wulff bleibt, weil er will und weil er muss = von Lothar Leuschen

04.01.2012 – 19:23 Uhr, Westdeutsche Zeitung Düsseldorf (ots) – Das Fernsehinterview von Christian Wulff hat weder viel Neues gebracht, noch ändert es die Situation. Dass der jüngste Bundespräsident in der Geschichte dieser Republik telegen ist, dass er sich ausdrücken und sehr sympathisch wirken kann, war auch vorher schon bekannt. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass so viele Bürger dem Mann aus Osnabrück immer noch den Rücken stärken. Sie sehen einen netten Familienmenschen, der von der geballten Medienmacht in die Enge getrieben worden ist. Sie verkennen, dass Wulff dazu allen Anlass gegeben hat. Ein Bundespräsident kann sich nicht leisten, was Wulff sich wohl in einem Anfall von Panik geleistet hat. Das muss ihm in den vergangenen Tagen klar geworden sein. Also ging er gestern abermals in die Offensive. Der Erklärung vom Dezember folgte das Interview bei ARD und ZDF. Es war seine letzte Chance.

Und was hat es gebracht? Nichts, außer der Erkenntnis, dass Wulff um sein Amt kämpft wie ein Löwe. Dafür hat er persönliche und politische Gründe. Mit Anfang 50 steht der Bundespräsident noch mitten im Berufsleben. Was aber soll noch kommen, wenn er jetzt das Handtuch wirft, wenn er als gescheitert, skandalumwittert aus dem höchsten Amt im Staate scheidet? Dann zeigen viele mit dem Finger auf ihn, tuscheln hinter vorgehaltener Hand über den ehemaligen Bundespräsidenten und seine Familie. Diese Last mindern auch Pension, Chauffeur und Büro auf Staatskosten nicht. Aber auch seine Parteifreunde können Wulff nicht vorzeitig gehen lassen. Kanzlerin Angela Merkel stünde als Verliererin da. Nach Horst Köhler wäre Wulff in ihrer Kanzlerschaft schließlich der zweite Präsident, der vorzeitig abträte. Dies und der Umstand, dass die Kräfteverhältnisse in der Bundesversammlung derzeit nicht eindeutig sind, zwingen die Regierungsparteien dazu, an Wulff festzuhalten. Also macht der Bundespräsident weiter. Doch eine gute Amtszeit wird ihm nicht mehr vergönnt sein. Die Wogen mögen sich glätten, wenn nicht neue unangenehme Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit kommen. Aber die Geschichte wird sich für immer an einen Bundespräsidenten erinnern, der am Ende doch viel zu klein war für dieses große Amt. Das ist bedauerlich.

Originaltext: Westdeutsche Zeitung

Gesine Lötzsch: Der Bundespräsident hat ein gestörtes Verhältnis zur Presse, zur Wahrheit und zum Geld

04.01.2012 – 19:18 Uhr, Fraktion DIE LINKE. Berlin (ots) – Zu den heutigen Äußerungen von Bundespräsident Christian Wulff erklärt die Vorsitzende der Partei DIE LINKE Gesine Lötzsch:

Das heutige Interview des Bundespräsidenten war kein Befreiungsschlag. Noch immer sind viele Fragen offen. Noch immer verharrt er in seiner Taktik des Aussitzens und Abwartens. Er hat ein gestörtes Verhältnis zur Presse, zur Wahrheit und zum Geld. Sein Handeln in den vergangenen Wochen hat das Amt und unser Land beschädigt. Bundespräsident Wulff muss jetzt selbst mit sich ausmachen, welche Konsequenzen er zieht. Jetzt kommt es auf seinen Charakter an.

Originaltext: Fraktion DIE LINKE.

Südwest Presse: KOMMENTAR zu WULFF Ausgabe vom 04.01.2012

04.01.2012 – 19:06 Uhr, Südwest Presse Ulm (ots) – KOMMENTAR zu WULFF

Ausgabe vom 04.01.2012 Ohne die schützende Hand Angela Merkels gäbe es den Bundespräsidenten Christian Wulff nicht mehr. Zu desaströs ist das Echo auf das Krisenmanagement eines Staatsoberhaupts, das schon die Nerven und die Selbstkontrolle verliert, wo zwar seine persönliche Integrität zur Debatte steht, aber keineswegs das Schicksal der Nation. Was würde Wulff erst machen, wenn er über Existenzfragen des Landes zu entscheiden hätte? Die Kanzlerin hält erst einmal eisern an Wulff fest, weil sie kein Interesse daran hat, erneut auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für das höchste Amt in dieser Republik zu gehen. Die schwarz-gelbe Koalition in ihrem fragilen Zustand bietet nicht den nötigen Rückhalt für eine so wichtige Personalentscheidung. Merkels Handeln wird, wie schon bei der im Ergebnis unglückseligen Auswahl von Horst Köhler und dessen Nachfolger, von Machtkalkül und Parteitaktik bestimmt. Christian Wulff darf einstweilen bleiben, aber eine dauerhafte Arbeitsplatzgarantie für den Präsidenten bedeutet die wiederholte Ehrenerklärung der Kanzlerin nicht. Auch nach dem bestellten TV-Interview wird der Chor der Kritiker, Zweifler und Spötter nicht verstummen. Zumal man damit rechnen muss, dass es weitere Anlässe für Wulff geben könnte, vergangenes Fehlverhalten zu bedauern und neuerlich um Verzeihung zu bitten. Diese Aussicht ist weder für ihn selbst noch für sein Publikum behaglich.

Originaltext: Südwest Presse

  • Noch eine sehr gute Pressestimme:
    RNZ: Schwach

    04.01.2012 – 20:08 Uhr, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg (ots) – Als Horst Köhler nach ein paar kritischen Bemerkungen das höchste Amt im Staat wegwarf wie ein altes Hemd, hagelte es Kritik, der Mann halte wohl nichts aus. Zumindest diesen Vorwurf muss sich Christian Wulff nicht machen lassen. Er hält viel aus. Und er bleibt seinem eigenartigen Stil treu: Allem Kritischen ausweichen, aber sich halbherzig entschuldigen. Dass er zugleich ARD und ZDF zum Staatsfunk adelt und die Medien, die seine Affäre ans Licht der Öffentlichkeit zerrten, nämlich die Presse, ausschloss, kann in diesem Zusammenhang vielleicht als die vom Präsidenten angekündigte „Neuordnung“ seines Verhältnisses zu den Medien verstanden werden. Souveränes Handeln geht anders. Jedenfalls: Ein Befreiungsschlag war dieses Interview nicht. Wulff darf aus taktischen Gründen Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden bleiben. Das ist sehr praktisch für die schwarz-gelbe Koalition. Und das Land wird sich daran gewöhnen, dass zumindest für die nächsten vier Jahre das Wort des Bundespräsidenten kein besonderes Gewicht haben wird. Sarkastisch formuliert möchte man zusammenfassen: Bei Banken kennt er sich offenbar besser aus, als vermutet. Von der Pressefreiheit scheint er dagegen keine Ahnung zu haben. Der Rest ist Fassungslosigkeit.

    Originaltext: Rhein-Neckar-Zeitung

  • NRZ: Wulff hat sich disqualifiziert – Kommentar von Rüdiger Oppers

    04.01.2012 – 20:15 Uhr, Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung Essen (ots) – Wieder eine Erklärung, wieder eine Entschuldigung, wieder so ein Wulff-Erlebnis. Schal, halbherzig, wenig staatsmännisch. Und wieder so eine typische Wulff-Stillosigkeit. Warum stellt sich der Bundespräsident nicht der Bundespressekonferenz, sondern gewährt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine exklusive Audienz? Nein, diese persönliche Erklärung im TV-Interview war kein Befreiungsschlag, sondern die Verlängerung einer Qual.

    Es bleiben Zweifel an der Aufrichtigkeit des ersten Mannes im Staat. Schlimmer noch, es stellt sich die Frage, ob Christian Wulff überhaupt genügend Format für das Amt des Bundespräsidenten hat. Sein Umgang mit der Wahrheit, seinen Finanzen und der Pressefreiheit haben Herrn Wulff für das höchste Amt in der deutschen Demokratie disqualifiziert. Es ist geradezu grotesk, dass sich der Bundespräsident beim Chef der größten Boulevardzeitung des Landes für eine törichte Beschimpfung auf dessen Anrufbeantworter entschuldigen muss. Kann ein Politiker tiefer sinken, als dem Springer-Verlag erst großmäulig zu drohen und dann bei „Bild“ ganz kleine Brötchen backen zu müssen?

    Fremdschämen ist im Zusammenhang mit einem Verfassungsorgan neu, aber Christian Wulff hat es geschafft, sein Ansehen und damit auch sein Amt derart zu ramponieren, dass er bei Bürgern, Parteien und Medien statt Anerkennung nur Hohn und Spott erntet. Über sich selbst hat er einmal gesagt „Kanzler könne er nicht“. Nun wissen wir: Bundespräsident leider auch nicht. Vor seiner Wahl verkörperte Christian Wulff die Standardbeschreibung eines Personalausweises: besondere Kennzeichen, keine.

    Jetzt taucht hinter der Fassade des Biedermanns ein Amigo-Politiker alten Stils auf, bei dem Günstlingswirtschaft und Glamour offenbar höher im Kurs stehen als die Kaufmannsehre, auf die sich wenigstens Horst Köhler berufen konnte. Im Schloss Bellevue muss kein Heiliger residieren, aber ein Vertreter des Volkes mit hoher moralischer Autorität, der als Vorbild dienen kann. Christian Wullf kann diese wichtigste Funktion nicht mehr erfüllen.

    Koalition und Opposition klammern sich noch verzweifelt an den glücklosen Amtsinhaber, weil dessen Vorgänger erst vor Kurzem aus nichtigem Anlass die Brocken hingeworfen und die Bürger enttäuscht hat. Doch eine „Staatskrise“ ist nicht zu befürchten, wenn die Republik zum zweiten Mal den Rücktritt eines Bundespräsidenten verkraften müsste. Es wäre im Gegenteil eine Chance, die viel beschworene „Würde des Amtes“ nicht vollends zum Popanz werden zu lassen.

    Christian Wulff kann noch mit Anstand gehen und den Weg frei machen für eine notwendige Diskussion über Kriterien für Bewerber um das höchste Amt im Staate und die Frage, ob nicht wir – das Volk – selbst die Wahl haben sollten.

    Originaltext: Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

  • BERLINER MORGENPOST: Der Präsident im Staatstheater

    04.01.2012 – 20:23 Uhr, BERLINER MORGENPOST Berlin (ots) – Ein Satz fehlte noch: „Ich liebe meine Frau“. Mit diesem Klassiker hat Kanzler Schröder einst im TV-Duell gesiegt. Ansonsten hat der Bundespräsident überraschend viel richtig gemacht in einem historischen Moment. Demut, Mitleidsheischen und dosierte Gegenwehr – mit einem knapp an der Fremdschämerei vorbeigeknisterten Emotionsauftritt hat Christian Wulff beileibe nicht alle Vorbehalte ausgeräumt, sich zumindest aber Luft verschafft. Ein Feuerwerk der Fehler versuchte er in eine Opfer- und Heldenarie umzudeuten. Fazit nach 25 Minuten Staatstheater: Wulff will bis 2015 im Schloss Bellevue bleiben. Weil die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende kein Interesse zeigt, ihren Mann zu entfernen, könnte dem Wackelpräsidenten am Mittwochabend ein Befreiungsschlag gelungen sein – sofern nicht neue Vorwürfe auftauchen. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat sich das Staatsoberhaupt in ein Fernsehstudio begeben, um Auskunft zu geben zu Immobilienkrediten, Wuttelefonaten und der Frage, ob ein Abendkleid gekauft, geliehen oder gar geschenkt sei, mithin also ein geldwerter Vorteil. Ob Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker oder Johannes Rau – unvorstellbar, dass einer von Wulffs Vorgängern vom Dienstsitz hinab in ein puffig-rotes Studio geklettert wäre, um derlei Fragen zu beantworten. Andererseits: Es war Wulffs letzte Chance. Seit Bekanntwerden der Mailbox-Szene war aus Finanzierungstricksereien eine Eignungsdebatte geworden. Die Frage, die Wulff den Interviewern Bettina Schausten (ZDF) und Ulrich Deppendorf (ARD) zu beantworten hatte: Besitzt dieser Präsident einen Hauch Restautorität, der einen Verbleib im Amt denkbar erscheinen lässt? Nein, er habe nie an Rücktritt gedacht, begann Wulff, vielmehr wolle er nach fünf Jahren als guter und erfolgreicher Präsident wahrgenommen werden. So ging es munter weiter: Die Interviewer, nicht gerade als investigative Geheimwaffen des deutschen Journalismus bekannt, mühten sich, Schneisen durch das Zahlen- und Datengewirr zu schlagen. Wulffs Taktik: Konkrete Detailfragen mit großen Gefühlen kontern. „Wenn man als Bundespräsident keine Freunde mehr haben darf…“ war so ein Alleskiller-Argument, dann sein Schutzinstinkt für die Familie und natürlich der Bibelvers mit der Schuld und dem ersten Stein. Nur dort, wo er gar kein Verständnis erwarten durfte, bei der Mailbox etwa, entschuldigte er sich – mal wieder – und räumte schwere Fehler ein. Man meinte, im Hintergrund die Schnulzgeigen von André Rieu zu vernehmen. So gewann Wulff an Sicherheit, den Fragern ging langsam die Luft aus. Und an einem Punkt patzten die Interviewer: Als der Präsident von sich aus auf böse Gerüchte zu sprechen kam, die vor allem im Internet über seine Frau verbreitet würden, da bat er geradezu darum, gefragt zu werden. Endlich hätte er zur Privatsache erklären können, was medienweit geraunt wird. Doch das Thema blieb unbehandelt, und damit die Furcht der Wulffs. Und jetzt? Wird der Angeschlagene wohl bleiben. Und mit ihm die Frage, ob er in Zukunft souveräner reagiert. Autorität kommt von Unabhängigkeit kommt von Mut kommt von Haltung. Da ist reichlich Luft.

    Originaltext: BERLINER MORGENPOST

  • Ostthüringer Zeitung: Kommentar zu Christian Wulff Schwacher Charakter

    04.01.2012 – 20:13 Uhr, Ostthüringer Zeitung Gera (ots) – Bundespräsident Christian Wulff will nicht auf sein Amt verzichten. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht? Volkes Meinung dazu ist gespalten. 46 Prozent sind laut einer Umfrage für den Rücktritt, ebenso viele für den Verbleib im Amt. Überraschenderweise wollen vor allem die Ostdeutschen Wulff weiter als Bundespräsident sehen. Dabei hatte doch mit Joachim Gauck einer von ihnen gegen den Niedersachsen kandidiert. Offenkundig aber ist eine zweite Chance für Gauck keine Option für die Mehrheit der Ostdeutschen. Doch nicht Gauck steht heute zur Diskussion, sondern Wulff. Der ist dem höchsten Amt im Staate offensichtlich nicht gewachsen, sondern der schwächste Präsident in der Geschichte der Bundesrepublik. Über Heinrich Lübke wird ja heute noch gewitzelt. Doch der delirierte seine ungewollten Bonmots in hohem Alter mit nachlassenden Kräften. Wulff hingegen steht im besten Mannesalter, hatte als niedersächsischer Ministerpräsident keine schlechte Figur gemacht. Smart trat er auf, modern, auch klug. Fast nichts davon hat er ins Schloss Bellevue gerettet. Mit dem höchsten Amt im Rücken enttäuscht er durch Kleinlichkeit, gedeckelte Offenheit und, ja, auch durch den Gebrauch des großen Bonus, nahe am Missbrauch, für persönliche Fehltritte. Einfach nur peinlich für einen Mann, der durch Vorbild und die Macht des Wortes dem Land und seinen Menschen Führung, Zuversicht und Vertrauen geben soll. Wer kann Christian Wulff heute noch ernst nehmen, wer ihm vertrauen? Er wird sich durch seine Amtszeit schleppen, weil die, die ihn stützen, die Konsequenzen einer vorzeitigen Neuwahl scheuen. Das ist, ganz klar, keine gute Nachricht.

    Originaltext: Ostthüringer Zeitung

  • Schwäbische Zeitung Leutkirch (ots) – Bundespräsident Christian Wulff hat sich entschuldigt. Aber wie! Er bedauert seine Fehler, ordnet aber alles unter „menschlich“ ein. Der große Druck der Medien, die vielen Fragen, die Auslandsreisen, da können doch mal Fehler passieren. Und dazu ist er noch ohne Karenzzeit Bundespräsident geworden. Wem da noch nicht die Tränen kamen, dem versichert der Präsident, ab jetzt besonnen sein zu wollen. Und seine Lernfortschritte unter Beweis zu stellen. Nun sieht das Grundgesetz für das Amt des Bundespräsidenten ein Mindestalter von 40 Jahren vor. Damit Deutschland einen Präsidenten hat, der sich eben nicht als lernendes System präsentiert, sondern um die Bürde und Würde des höchsten Repräsentanten weiß – und die Rolle entsprechend ausfüllt. Dessen Worte Gewicht haben und dessen Persönlichkeit Glaubwürdigkeit vermittelt.

    Politisch gesehen, mag das Interview Wulffs vielleicht ein Befreiungsschlag sein. Er ist vorerst entschuldigt. Doch wie oft kann das Amt noch bedauernde Worte in eigener Sache vertragen? Wie lange noch einen Präsidenten, der es nicht wirklich ausfüllt?

    Klar ist: Christian Wulff bleibt nur im Amt, wenn Angela Merkel die schützende Hand über ihn hält. Und solange Horst Seehofer genau wie Angela Merkel der Ansicht bleibt, dass eine Neuwahl zurzeit eher schaden als nutzen könnte. Merkel will ihr fragiles Regierungsbündnis nicht zusätzlich belasten.

    Deshalb betont die Kanzlerin, dass der Präsident ein Verfassungsorgan ist und sich somit jegliche Kommentierung verbiete.

    Doch mit einer „Wulff geht mich nichts an-Kanzlerin“ und einem Bundespräsidenten, der zwar entschlossen, hart und klar ist, wenn es um sein Amt und seine Karriere geht, die gleiche Klarheit aber in seinen Richtigstellungen vermissen lässt, ist zwar ein Staat zu machen, aber kein guter.

    Einen „wunderbaren Bundespräsidenten“ hat Merkel vor eineinhalb Jahren den Deutschen versprochen. Herausgekommen ist ein wundersamer. Menschlich? Nein, leider allzu menschlich.

    Originaltext: Schwäbische Zeitung

  • Für diesen Satz: Deshalb betont die Kanzlerin, dass der Präsident ein Verfassungsorgan ist und sich somit jegliche Kommentierung verbiete.

    gehört diese Frau genau so zur Rechenschaft gezogen, wie es Herr Wulff erforderlich macht. Es wird immer offensichtlicher, dass das Volk und selbst die Presse nichts mehr zu sagen hat. Maulhalten und zahlen!

    Solche Zustände erinnern mich sehr an DDR Zeiten. Wer sie erlebt hat, weiss wovon ich spreche.

  • Auszug aus der Artikel aus Trier:

    Christian Wulff bedauert gerne, oft und aufrichtig. Aber immer erst hinterher. Er hat bedauert, dass er sich im Flugzeug in die erste Klasse setzen ließ – als die Sache rauskam. Er hat bedauert, dass er den niedersächsischen Landtag täuschte – als die Täuschung aufgeflogen war. Er hat verstanden, dass sein Urlaub in der Villa eines Supermillionärs nicht gut ankam – als er zurück war. Und nun erklärt er mit treuherzigem Blick, dass ihm sein Ausraster gegenüber Journalisten aufrecht leid tut. Nun verspricht er völlige Transparenz und erklärt sich, Gipfel der Heuchelei, flugs noch zum Vorbild für künftige Präsidentengenerationen.

    Das ist allzu glitschig, das ist aalglatt. Den Rücktrittsforderungen mag sich Wulff für den Augenblick damit entwunden haben. Weiteren Recherchen nicht. Wehe, da kommt noch was. Der Ansehensverlust bei den Bürgern ist ohnehin da und wiegt schwer. Es ist die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten, durch die Macht des Wortes und des eigenen Vorbildes die Akzeptanz in die Institutionen des Staates zu festigen. Wie aber soll das gehen, wenn der Amtsinhaber als Schnorrer, Heuchler und Täuscher angesehen wird? Wenn er in den Internetforen zur Schießbudenfigur geschrumpft ist und ihn auch die Elite des Landes nicht mehr achtet? Bei der nächsten „großen“ Rede dieses Präsidenten, zu welchem Thema auch immer, werden sie alle innerlich grienen, die im Saal und die an den Bildschirmen draußen. Wulff wird lange brauchen, um dieses Image wieder wegzureden. Aber er weiß ja nicht einmal, worüber er reden soll.

    Das ist nämlich das andere, womöglich viel größere Problem mit diesem Präsidenten. Er weiß auch nach eineinhalb Jahren noch nicht, was er eigentlich mit dem Amt will. Er ließ intern an einer Agenda arbeiten, aber wurde nie damit fertig, er begann Themen anzustoßen, ohne je mehr als ein Stichwort zu setzen. Aber zu jenen Fragen, die die Menschen bewegten, rechter Terror, Eurokrise, Atom, äußerte er sich nicht, zu spät oder zu zaghaft. Dieser Bundespräsident Christian Wulff, der doch Orientierung geben soll, war orientierungslos, ehe er jetzt auch noch sein Ansehen verlor. Er ist ein Kaiser ohne Kleider, den nun das Amt vor dem politischen Totalabsturz schützen muss. Dafür es eigentlich nicht da.

    Originaltext: Trierischer Volksfreund

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  • Sonja

    Rheinische Post: Kommentar: Wulffs neue Transparenz

    05.01.2012 – 22:01 Uhr, Rheinische Post Düsseldorf (ots) – Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung hat Bundespräsident Christian Wulff zweifellos eine Falle gestellt. Dies hat Wulff aber sehenden Auges selbst ermöglicht. Wer in einem Fernseh-Interview rührend weismachen will, er habe nur einen Tag Aufschub für die kritische Berichterstattung über seine Kreditgeschäfte erbeten, der muss sich gefallen lassen, dass diese Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wird. Nichts anderes hat der „Bild“-Chef im Sinn gehabt, als er Wulff fragte, ob er den Inhalt der Mailbox veröffentlichen dürfe, die die Drohung des Präsidenten enthielt. Dass Wulff dies ablehnt, kann er wieder geschickt mit seiner emotionalen Ausnahmesituation begründen. Aber die Begründung verfängt nicht. Er ist wieder einmal Gefangener seiner Verteidigungsstrategie. Die ist darauf aufgebaut, den Anschein zu erwecken, dass alle Vorwürfe gegen ihn haltlos sind. Dabei bedient er sich einer Mischung aus Halbwahrheiten und Vernebelungen. Wird er gestellt, so duckt er sich weg, wie bei der Frage des Mailbox-Inhalts. Damit löst Wulff sein Versprechen der vollständigen Transparenz nicht ein. Offenbar war auch das nur taktisch gemeint. Genauso wie seine Ankündigung, ein neues Verhältnis zu den Medien aufbauen zu wollen. Ein solcher Präsident ist einfach nicht glaubwürdig.

    Originaltext: Rheinische Post

  • Albkai

    Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann BILD Wulffs Telefonat auf dem Anrufbeantworter veröffentlicht.

    Es könnte ja die Sprachdatei einfach gestohlen werden?

    Es wäre nicht das 1. Mal, man denke nur an Frau Zehbauers Notruf bei der Polizei, der durch alle Medien ging. 🙂

  • dieta

    Über den Ort der Begegnung hatte es im Vorfeld Diskussionen gegeben. Merkel ging darauf in ihrem Statement ein. Sie freue sich, dass nun neben der Nuntiatur der Papst auch einen anderen katholischen Ort in der Stadt besuche, der das „geistliche Leben der Stadt bereichere“, so Merkel.

  • search engine marketing

    Wulff: Zur Überwindung der Verschuldungskrise in Griechenland brauchen wir ein europäisches Konzept, das dauerhaft tragfähig ist. Zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass Griechenland eine entschlossene Stabilitätspolitik unternimmt. Ich hoffe, dass alle politischen Kräfte im Land, auch die Opposition, sich dieser Verantwortung bewusst sind und ihr dauerhaft gerecht werden. Nur dann kann die von Europa und Deutschland gezeigte Solidarität Früchte tragen. Ich bin dazu mit unseren griechischen Freunden im Gespräch.